Werner Kuhn - Europaabgeordneter - EVP - Fraktion

Jungfischer ohne Chance und Quote
31.07.2014

Ribnitz-Damgarten/Usedom/Hamburg. André Grählert, Fischer in fünfter Generation aus Pruchten, hatte beim Fischereitag am 13. Juni 2014 in Negast vor Bundeskanzlerin Angela Merkel Klartext geredet: Wir Fischer haben keine Lobby, hatte er verbittert gesagt, wir werden nicht verstanden. Uns wird unterstellt, wir würden die Natur kaputt machen. "Schauen wir uns hier um: Der Durchschnitt der Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern ist über 50 Jahre alt. Einer nach dem anderen hört auf. Und wer will denn noch diesen Beruf, fährt nachts um 3 Uhr raus, arbeitet 14 Stunden und hat am Ende des Tages 14 Euro in der Hand? Wir dürfen immer weniger fischen, die Gebiete, in denen wir es dürfen, werden auch immer weniger, merkwürdigerweise gehen auch die Preise immer weiter runter." Grählert ist Fischwirtschaftsmeister, bildet Nachwuchs aus, wenn denn überhaupt noch jemand den Beruf will. Angela Merkel hatte in Negast ihren politischen Willen betont, dass der Berufsstand der Fischer Zukunft haben muss. Die komplizierten Probleme müssten gelöst werden: "Denn nur mit Leidenschaft kann man junge Menschen nicht überzeugen, bei Wind und Wetter nachts hinauszufahren. - sie müssen auch davon leben können", waren ihre Worte.

Drei junge Fischer von der Insel Usedom - Andreas Zirkler aus Ahlbeck, Sebastian Knopp aus Heringsdorf und Falk Bialowons aus Rankwitz sehen wie Grählert am Barther Bodden ihre Zukunft pessimistisch. Der Europaabgeordnete Werner Kuhn, stellvertretender Vorsitzender des Fischereiausschusses, hat sich der Nachwuchsprobleme der Fischer in M-V angenommen und ist mit den drei jungen Männer nach Hamburg zur Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) gereist. Sie treffen sich dort (am 4.7.2014) mit Dr. Uwe Dittmer, Abteilungsleiter Fischerei, und Lutz Wessendorf, Referatsleiter Fangregulierung.

Der 34jährige Zirkler ist Existenzgründer: "Ich hab ein Boot ohne Quote und aus Verzweiflung dazu zwei fast 40 Jahre alte Schlorren gekauft, die eine kleine Fischfang-Quote haben. Die Kähne liegen nur am Strand, weil sie unwirtschaftlich sind, ich müsste sie abwracken, brauche aber die Fangquote." Er bekommt nicht einmal einen Kredit bei der Bank, um die alten Boote zu erneuern: "Die Banker lachen sich scheckig, wenn ich argumentiere, die Kutter wären etwas wert, weil darauf eine Quote liegt". Zirkler hatte Anträge über Anträge an die BLE gestellt, um fangen zu dürfen, "ein Heidenaufwand war das, aber so hatte ich mir einmal 500 kg und dann wieder mal ein paar Kilo Fangerlaubnis bei der BLE erbettelt", erzählt er.

Kuhn: Es kann nicht angehen, dass Uraltkutter künstlich am Leben erhalten werden, rein gar nichts hat das mit dem Schutz der Umwelt zu tun: "Die jungen Fischer brauchen eine Startposition. Was können wir machen?", fragt er. Dittmer und Wessendorf informieren über eine brandneue Richtlinie, die "Vierte Bekanntmachung", die am 17. Juni 2014 im Bundesanzeiger zu finden ist. Sie besagt, dass eine Quote, die auf alten Fischkuttern liegt, unter bestimmt Umständen auf ein neues Boot übertragen werden kann, wenn die Neufahrzeuge effektiver sind. Bislang war es so, dass die Quote abgewrackter Schiffe zurück an den Staat fiel und dann unter alle Fischer, die über Fahrzeuge mit Quote verfügten, verteilt wurde. Diese Handhabung hatte dazu geführt, dass alte Kutter auf Halde liegen und junge Fischer keine Chance bekamen.

Sebastian Knopp aus Heringsdorf ist Strandfischer und braucht auch eine Quote. Falk Bialowons aus Rankwitz , das auf der Halbinsel Lieper Winkel im Achterwasser der Insel Usedom liegt, hat ein ganz spezielles Grenz-Problem: "Ich verstehe mich als Binnenfischer, fange Zander, Barsch und Plötz - Süßwasserfische - mit Reusen im Peenestrom. Aber in der Heringssaison springt mir der Hering bis ins Boot und in den Reusen sind nur Heringe, die ich ohne Quote nicht fangen darf." Bialowons pulte bislang den Hering aus den Reusen, damit die Weißfische wieder Platz hatten. Aber nun gibt es das Rückwurfverbot. Die Erzeugerorganisation der Usedomer Fischer in Freest braucht keinen Hering von Binnenfischern ohne Quote, denn die minimieren das ohnehin geringe Einkommen der anderen. Die Experten von der BLE berichten von der Handhabe in Schleswig-Holstein: Der Hering, der in Trave und Schlei gefangen wird, zählt als Binnenfisch. Nicht aber in Mecklenburg-Vorpommern: Nach dem Landesfischereigesetz zählen alle Sunde, Haffe, Wieke, Bodden, Achterwasser und Buchten des Peenestromes als Küstengewässer. Ebenso die Flüsse, die in diese Gewässer münden - z.B. die Peene ab Eisenbahnbrücke Anklam.

"Dieses Problem könnte in Schwerin gelöst werden", meint Kuhn und resümiert: "Es bleibt noch viel mehr zu klären als der Mehr-Arten-Mehrjahres-Managementplan, der schon längst stehen sollte." Die Möglichkeit der Übertragung der Quote auf ein neues Schiff sei schon eine Erleichterung, aber es müsse noch mehr entrümpelt werden: "Die Quotenfestlegung einerseits und die Beschränkung des Fangs auf bestimmte Seetage andererseits - das ist Überregulierung und eine doppelte Reglementierung der Fischer. Bei der Festlegung über die Seetage erwarte ich konstruktive Vorschläge von den Fischereiministern der Mitgliedsstaaten."


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